Traumatische Erinnerungen medikamentös abschwächen

Ein möglicher neuer Ansatz für die Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung: Nach Einnahme des Antibiotikums Doxycyclin erinnern sich Studienteilnehmer deutlich weniger an ein unangenehmes Ereignis. Dies belegen die Experimente eines Forscherteams der Psychiatrischen Universitätsklinik und der Universität Zürich.

Angsterinnerung
Angsterinnerung
UZH-Forscher legen neuen Ansatz vor, um Traumata medikamentös abzuschwächen. (Bild: ©Malombra76 / iStock)

Körperliche Gewalt, Krieg oder auch eine Naturkatastrophe können eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auslösen. Betroffene durchleben das belastende Ereignis immer wieder – durch plötzlich einschiessende Erinnerungen oder als sich wiederholende Albträume. Nicht immer kann diese seelische Verletzung mit einer Psychotherapie erfolgreich behandelt werden. Daher suchen Wissenschaftler seit langem nach einem Weg, das Traumagedächtnis medikamentös zu beeinflussen. Im Tiermodell erprobte Möglichkeiten waren beim Menschen bisher nicht anwendbar oder nicht wirkungsvoll genug. Nun testeten Forscherinnen und Forscher der Psychiatrischen Universitätsklinik und der Universität Zürich erfolgreich ein neues Medikament, das bei Menschen die Erinnerung an ein negatives Erlebnis deutlich abschwächt.

Doxycyclin hemmt Enzym der Gedächtnisbildung

Das Team unter der Leitung von Dominik Bach, UZH-Professor und Arzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik, stellt einen neuen Ansatz vor. Es untersuchte, wie sich die Hemmung eines für die Gedächtnisbildung wichtigen Enzyms auf traumatische Erinnerungen auswirkt. Erst seit jüngster Zeit ist aus Laborversuchen bekannt, dass für die Gedächtnisbildung Eiweisse aus dem Raum zwischen Nervenzellen, der Extrazellulärmatrix, benötigt werden. Diese Enzyme, sogenannte Metalloproteinasen, kommen im gesamten Körper vor und sind etwa bei der Entstehung von Herzerkrankungen und verschiedenen Krebsarten beteiligt. Das Antibiotikum Doxycyclin hemmt die Aktivität dieser Enzyme und ist für mehrere dieser Erkrankungen bereits erprobt. Der UZH-Professor testete nun mit seinen zwei Studienautorinnen, wie sich Doxycyclin auf die Gedächtnisbildung auswirkt.

Negative Reaktionen zwei Drittel schwächer

Knapp 80 Personen, eingeteilt in Experimental- und Kontrollgruppe, nahmen am Versuch teil. In einem Experiment erhielten die Probanden leicht schmerzhafte elektrische Reize, die sie mit einer spezifischen Farbe zu verknüpfen lernten. Die Probanden in der Experimentalgruppe erhielten vorher 200 mg Doxycyclin, im Gegensatz zur Kontrollgruppe, die ein Placebo einnahm. Die Probanden der Kontrollgruppe zeigten – während sie die Farbe sahen – sieben Tage später verstärkte Schreckreaktionen. «Bei Probanden der Experimentalgruppe waren die späteren Schreckreaktionen im Vergleich zur Kontrollgruppe rund zwei Drittel schwächer», erklärt Dominik Bach. «Damit zeigen wir erstmals, dass Doxycyclin das emotionale Gedächtnis abschwächt, wenn es vor einem negativen Ereignis eingenommen wird.»

In Kombination mit Psychotherapie anwendbar

Die Ergebnisse belegen, dass Metalloproteinasen nicht nur als Werkzeuge im Labor verwendet werden können, sondern auch beim Menschen für die Gedächtnisbildung relevant sind. Diese Enzyme liefern laut Studienautor Dominik Bach wichtige Anknüpfungspunkte, um therapeutisch wirksame Substanzen zu entwickeln. «Doch bereits mit dem heutigen Wissensstand könnte Doxycyclin wahrscheinlich angewendet werden, um vorhandene emotionale Erinnerungen zu dämpfen – wenn Patienten das wünschten», sagt der Arzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Für diese Behandlung würden existierende Traumaerinnerungen in einer Psychotherapie gezielt aktiviert und dann durch Gabe von Doxycyclin geschwächt. «Wir planen, dieses kombinierte Therapiemodell bei gesunden Menschen anzuwenden, um es dann in der Klinik zu erproben», schliesst Dominik Bach.

Literatur:

Dominik R. Bach, Athina Tzovara, Johanna Vunder. Blocking human fear memory with the matrix metalloproteinase inhibitor doxycycline. Molecular Psychiatry, April 4, 2017. DOI: 10.1038/ MP.2017.65 http://dx.doi.org/10.1038/MP.2017.65