Emil Bührles Aufstieg als Unternehmer und Kunstsammler

Wie Emil Bührle der Aufstieg zum Unternehmer, internationalen Kunstsammler und zur Persönlichkeit der Zürcher Elite gelang, zeigt eine neue Studie von UZH-Professor Matthieu Leimgruber im Auftrag von Stadt und Kanton Zürich. Erstmals werden dabei die Verflechtungen und Wechselwirkungen von Waffen, Geld und Kunst gemeinsam untersucht.

Emil Bührle als Kunstsammler und Waffenproduzent. (Bilder: Dmitri Kessel, © Time Inc.)
Emil Bührle als Kunstsammler und Waffenproduzent. (Bilder: Dmitri Kessel, © Time Inc.)

Im Jahr 2021 wird der David-Chipperfield-Erweiterungsbau des Zürcher Kunsthauses eröffnet, in dem Werke der Sammlung E.G. Bührle gezeigt werden. Der Unternehmer, Kunstsammler und Mäzen Emil Bührle (1890–1956) ist bis heute umstritten. Stadt und Kanton Zürich haben darum Matthieu Leimgruber, Professor für Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte der Universität Zürich, beauftragt, die Entstehung der Sammlung zu untersuchen. Dabei soll dargestellt werden, welche Verbindungen, Interessenkonvergenzen und Interessenkonflikte zwischen Wirtschaft, Politik und Kunstmarkt vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg herrschten.

Der nun vorliegende Forschungsbericht «Kriegsgeschäfte, Kapital und Kunsthaus – Die Entstehung der Sammlung Bührle im historischen Kontext» zeigt in drei Teilen den parallelen Aufstieg Bührles als Rüstungsunternehmer, als gesellschaftlicher Netzwerker sowie Kunstsammler und Mäzen.

Der Unternehmer: Von der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon zu Oerlikon-Bührle

Emil Bührle kam 1924 aus Magdeburg nach Zürich, um die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon (WO) zu reorganisieren. Aus dem KMU (1923: 140 Mitarbeiter) machte er in den nächsten Jahrzehnten das grösste Schweizer Rüstungsunternehmen: die Oerlikon-Bührle-Gruppe (1956: 6000 Mitarbeiter).

In der Zwischenkriegszeit war die WO Teil der verdeckten deutschen Aufrüstungskampagne und konzentrierte sich auf die Entwicklung und den Export von 20mm-Flugabwehrkanonen. Im Krieg verkaufte die WO Kanonen zunächst auch noch an die Alliierten (für rund 60 Millionen Franken) und nach der Niederlage Frankreichs nur noch an NS-Deutschland und die Achsenmächte (für etwa 540 Millionen Franken).

Während des Zweiten Weltkrieges bauten auch die USA und Grossbritannien über 185'000 «Oerlikon Guns» in Lizenz, zahlten der als feindlich geltenden Firma jedoch keine Lizenzzahlungen. Dagegen erhielt Bührle aus seiner Beteiligung an einer deutschen Rüstungsfirma, den IKARIA-Werken, die während des Krieges Zwangsarbeiterinnen einsetzte, Lizenzzahlungen von rund 0,87 Millionen Franken.

Sobald sich die Niederlage von NS-Deutschland abzeichnete, hielt sich Bührle wieder an die Alliierten. Bis zum Beginn des Koreakrieges im Juni 1950 konnte er die WO erfolgreich auf den Westblock, die Modernisierung der Schweizer Armee und die neu dekolonisierten Länder ausrichten.

1940 löste eine Reihe tödlicher Unfälle in den WO-Fabrikationshallen den grössten Kriegsstreik in der Schweiz aus. Während Bührle in der linken Presse als Kriegsgewinnler angeklagt wurde, lobten die bürgerlichen Stimmen seinen Unternehmergeist und Erfolg. Sein unternehmerisches Kalkül mehrte Bührles Vermögen von 8 Millionen Franken im Jahr 1938 auf 162 Millionen Franken im Jahr 1945. Es steht ausser Zweifel, dass ihn das Waffengeschäft mit Nazi-Deutschland zum reichsten Mann der Schweiz machte und die erste Grundlage für seine Kunstsammlung bildete.

Der Netzwerker: Anpassungsfähig, pragmatisch und opportunistisch

In nur einer Generation stieg Bührle vom unbekannten deutschen Prokuristen zum bedeutenden Kunstsammler, Mäzen und zu einer angesehenen Zürcher Persönlichkeit auf. «Dieser fulminante gesellschaftliche Aufstieg beruhte auf Bührles ungeheurem Reichtum, seiner Kunstsammlung und Kulturförderung sowie auf einer Kombination aus Anpassungsfähigkeit, Pragmatismus und gnadenlosem Opportunismus», erklärt Prof. Leimgruber.

Als Teil der deutschen Aufrüstungsnetzwerke der Zwischenkriegszeit integrierte sich Bührle früh in rechtskonservative Schweizer Zirkel, die Verbindungen zu ähnlichen Milieus in Deutschland unterhielten. Nach dem Erhalt des Schweizer Bürgerrechts 1937 nutzte er seinen neuen Reichtum und erste Kunstkäufe, um sich Zugang zu ausgewählten Kreisen zu verschaffen. Im Juni 1940, als die WO ihre Waffenexporte auf NS-Deutschland ausrichtete, wurde Bührle in die Sammlungskommission und kurz darauf in den Vorstand der Zürcher Kunstgesellschaft (ZKG) eingeladen.

Mit Bankier und ZKG-Präsident Franz Meyer-Stünzi, einem prominenten Sprössling des «alten Zürichs», mit dem er pro-deutsche Affinitäten teilte, besiegelte der «Newcomer» Bührle eine starke Allianz, um das Kunsthaus Zürich voranzubringen.

Über sein Engagement als Kunstsammler und Kulturförderer unterhielt Bührle ausgezeichnete Beziehungen zu lokalen und nationalen Behörden sowie zu internationalen Kreisen. Dabei überschnitten sich unternehmerische, gesellschaftliche und sammlerische Interessen: Reisen über den Atlantik, um WO-Pulverraketen zu verkaufen, ermöglichten ihm etwa Zugang zum Londoner und New Yorker Kunstmarkt.

In der Nachkriegszeit war Emil Bührle bestens in wirtschaftsliberale und antikommunistische Zirkel integriert. Er inszenierte sich gerne als Unternehmer «an vorderster Front dieses kalten Krieges», wie Bührle 1955 sagte.

Der Sammler: Waffenexporte ermöglichen Aufbau der Kunstsammlung

Ernsthaft Kunst zu kaufen begann Bührle 1936, als er dank der Ausweitung der Waffenexporte seine erste Million Franken besass. Damals war der europäische Kunstmarkt geprägt von der Wirtschaftskrise, den frühen Enteignungen und Rassenverfolgungen des NS-Regimes. Während der deutschen Besatzungszeit erstand Bührle 16 Werke auf dem Pariser Kunstmarkt, auf dem enteignete Kunst jüdischer Galeristen und Sammler gehandelt wurde. Von den 93 Werken, die er von 1941-45 ankaufte, galten 13 nach dem Krieg als «Raubkunst». Bührle sah sich mit mehreren Restitutionsprozessen konfrontiert und gab die entsprechenden Werke später an ihre rechtmässigen jüdischen Besitzer zurück. Neun Bilder konnte er schliesslich ein zweites Mal erwerben. Vom Antisemitismus kann man Bührle nicht reinwaschen, auch wenn die bisher erschlossenen Dokumente nur eine belastende Äusserung enthalten. Für Matthieu Leimgruber steht fest: «Beim Aufbau seiner Sammlung nutzte Bührle die Lage verfolgter und flüchtender Juden opportunistisch aus.»

Bührle präsidierte die Sammlungskommission der ZKG ab 1953. Er übernahm die Gesamtkosten von über 6 Millionen Franken für den 1958 eingeweihten Kunsthauserweiterungsbau, verstarb aber noch vor der feierlichen Eröffnung. Bis zu seinem Tod 1956 hatte Bührle über 600 Kunstwerke für rund 39 Millionen Franken gekauft, darunter prestigeträchtige Gemälde des Impressionismus und der Moderne. «Ermöglicht wurde der Aufbau dieser Kunstsammlung von Weltrang durch den immensen Reichtum, den er vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg durch Waffenexporte angehäuft hatte», so Leimgruber.

1960 vermachten Bührles Erben der «Stiftung Sammlung Emil Bührle» 200 seiner Kunstwerke, die in einem Privatmuseum an der Zollikerstrasse in Zürich ausgestellt wurden. Ein halbes Jahrhundert später sollen diese Werke nun in den Kunsthaus-Erweiterungsbau einziehen und Zürich zu einem internationalen Zentrum für die Kunst des französischen Impressionismus machen. Diese Entwicklung ist laut Leimgruber der Höhepunkt der fast hundertjährigen Verflechtungen «zwischen Emil Bührles Kriegsgeschäften sowie dem wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Kapital, das er mobilisierte, um bis an die Spitze der Zürcher Elite und des Kunsthauses Zürich zu gelangen».

 

Externe Gutachten bescheinigen hohe Qualität

Die UZH hat zwei externe Gutachten zum Forschungsbericht veranlasst. Jakob Tanner, emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit, und Esther Tisa Francini, Historikerin und Leiterin Provenienzforschung im Museum Rietberg, haben eine noch nicht finale Version des Berichts begutachtet. Damit reagierte die UZH auf den – später auch medial verbreiteten – Vorwurf, Mitglieder des Steuerungsausschusses hätten versucht, den Berichtsinhalt zu beschönigen. Beide Gutachter kommen zum Schluss, dass der Forschungsbericht von hoher wissenschaftlicher Qualität ist, und der Best Practice der historischen Auftragsforschung folgt.

Allerdings problematisieren sie die Begleitung der Forschungsarbeit durch einen Steuerungsausschuss mit Vertretung der Auftraggeberinnen und der Stiftung Sammlung Bührle, der Kunstgesellschaft und des Kunsthauses. In diesem Zusammenhang empfehlen sie zwei Umformulierungen, die der Autor in einer früheren Entwurfsfassung auf Anregung eines Mitglieds des Steuerungssauschusses vorgenommen hatte, erneut abzuändern. Der Autor hat dies unter Einarbeitung von seither gefundenen zusätzlichen Quellen und zusätzlicher Literatur getan. Insgesamt halten die Gutachter Vorwürfe über Beschönigungen für haltlos.