Auge um Auge

Das Racheverhalten im israelisch-palästinensischen Konflikt ist beidseitig. Wie Forscher der Universitäten Zürich, Massachusetts Institute of Technology, Quinnipiac und Tel Aviv zeigen konnten, trägt jede Seite eine gewisse Verantwortung für die Angriffe des Feindes. Demnach unterschätzen sowohl Israelis und Palästinenser ihre eigene Rolle bei der Aufrechterhaltung des Konflikts.

Ein Team von Wissenschaftlern der Universität Zürich, des Massachusetts Institute of Technology und der Universitäten Quinnipiac und Tel Aviv hat herausgefunden, dass sowohl Angriffe von Israel als auch Palästinensern zu heftigen Vergeltungsschlägen der anderen Seite führen. Ein Teil der Gewalt von jeder Seite ist jeweils eine direkte Reaktion auf frühere Angriffe des Gegners.

Das Team analysierte eine grosse Datenmenge von Tötungen und Raketenangriffen in der Zweiten Intifada zwischen Israel und Palästina in den Jahren 2000-2008, mit Hilfe einer statistischen Methode namens Vector Autoregression. «Diese Technik erlaubt uns, die Wirkung eines einzigen Angriffs von einer Seite auf künftige Angriffe der anderen Seite zu untersuchen», sagt der Hauptautor Johannes Haushofer, Neurobiologe und Ökonom an der Universität Zürich. «Wir haben herausgefunden, dass wenn eine Seite die andere angreift, sie dem eigenen Volk eine bestimmte Anzahl zusätzlicher Todesfälle oder Raketenangriffe zufügt. Wenn zum Beispiel die israelischen Streitkräfte fünf Palästinenser töten, erhöhen sie die Wahrscheinlichkeit um 50 Prozent, dass am nächsten Tag Israelis durch palästinensische Angriffe sterben.»

Nicht nur palästinensische Angriffe führen zu Gegenschlägen

Die Studie in Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) widerlegt frühere Befunde, wonach nur palästinensische Angriffe zu Vergeltungsschlägen führen und israelische Angriffe nicht. «Die bisherigen Befunde legten nahe, dass die israelischen Angriffe oft eine Reaktion auf palästinensische Gewalt waren, während dies offenbar nicht für palästinensische Angriffe galt», sagt Anat Biletzki, Professorin für Philosophie an den Universitäten Tel Aviv und Quinnipiac, und ehemalige Leiterin von BT'selem, einer israelischen Menschenrechtsorganisation, welche die Daten sammelt, die für die Studie verwendet wurden. «Dies impliziert einen einseitigen Konflikt mit angreifenden Palästinensern und sich verteidigenden Israelis. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Situation ausgeglichener ist.»

Die Wissenschaftler hoffen, dass diese Ergebnisse zu einem besseren Verständnis der Kräfte führen, die den Konflikt perpetuieren. «Psychologen wissen schon lange, dass Menschen ihr eigenes Verhalten als Ergebnis der Situation betrachten, in der sie sich befinden, aber das Verhalten von anderen als Ausdruck von deren intrinsischem Charakter sehen», sagt Nancy Kanwisher, Professorin für Neurowissenschaften am Massachusetts Institute of Technology. «Diese kognitive Verzerrung könnte dazu führen, dass beide Seiten sich als Opfer sehen, die nur auf Gewalt von der anderen reagieren, und dabei ihre eigene Rolle im Provozieren dieser Gewalt unterschätzen.»

Literatur:

Johannes Haushofer, Anat Biletzki, Nancy Kanwisher: Both sides retaliate in the Israeli-Palestinian conflict. In: PNAS, Doi: 10.1073/pnas.1012115107