Einbaum-Trommel für die Naga – Forschung für das Völkerkundemuseum

Dank Geld aus der Schweiz können die Naga in Nordostindien ein altes Ritual wiederbeleben. Auf Vermittlung des Völkerkundemuseums der Universität Zürich wird die Herstellung einer mehreren Meter langen Einbaum-Trommel finanziert. Im Gegenzug erlauben die Naga drei Forschenden der UZH, das Ritual audiovisuell zu dokumentieren.

Die Dorfältesten von Litem, einem kleinen Dorf im indischen Nagaland, beschlossen im Februar 2010, das Völkerkundemuseum der Universität Zürich um Unterstützung für ein Grossprojekt zu bitten: die Herstellung und festliche Installierung einer neuen Einbaum-Trommel für den kommenden Winter. Der Brief der Dorfältesten aus den Naga-Bergen erreichte wenig später Prof. Mareile Flitsch, Direktorin des Völkerkundemuseums, das von 2006 bis 2009 ein Forschungsprojekt des Schweizerischen Nationalfonds zum Thema «Material Culture, Oral Traditions and Identity of the Naga of Northeast India» leitete und auch eine Ausstellung «Naga – Schmuck und Asche» gezeigt hatte.

Das Völkerkundemuseum konnte die «G + B Schwyzer-Stiftung» für eine finanzielle Unterstützung des Projekts gewinnen – und die Forscher Thomas Kaiser, Rebekka Sutter und Jan Seifert im Auftrag des Völkerkundemuseums können nun auf das Angebot der Dorfältesten von Litem eintreten: Im Gegenzug zur Teil-Finanzierung des rituellen Anlasses sichern die Dorfbewohner den Ethnologen ihre Kooperation zu. Während eines vier- bis sechswöchigen Forschungsaufenthaltes soll eine umfangreiche audiovisuelle Dokumentation der rituellen Herstellung, des Trommel-Transports vom Wald ins Dorf und schliesslich der festlichen Installierung im vorgesehenen Trommelhaus entstehen. Die Audio-Daten werden das Tonarchiv des Museums, das bereits jetzt mehr als 2000 Naga-Tondokumente umfasst, mit substantiellem Material erweitern.

Zugang zu kaum dokumentierten Schöpfungsmythos

Die Einbaum-Trommeln der Naga – mächtige Instrumente von mehreren Metern Länge und im Durchmesser zuweilen fast mannshoch – waren Objekte von zentraler ritueller Bedeutung in den Dörfern der östlichen und nördlichen Naga-Stämme. Die meisten wurden im Zuge des fast 50 Jahre dauernden Indo-Naga-Konflikts von der indischen Armee verbrannt, andere von eifernden Christen zerstört. Der Anlass selbst – die Herstellung und rituell-festliche Installierung einer solchen Trommel – galt lange als ausgestorben und wurde bislang noch nie umfassend dokumentiert.

Die Trommel und ihre Herstellung sind eingebunden in ein weites Feld mündlicher Überlieferungen. Die Chang-Naga, über die es bislang keinerlei Literatur gibt, wurden erst verhältnismässig spät christianisiert. Im Gegensatz zu allen anderen Naga-Stämmen verfügen sie bis heute über einen detaillierten Schöpfungsmythos, welcher nebst vielen anderen Begebenheiten auch die Herstellung der ersten Einbaum-Trommel beschreibt. Und der Platz, wo sich die Schöpfung einst zutrug, soll bis heute die Spuren jener urzeitlichen Ereignisse aufweisen. Auch dieser Mythos und Platz wurden bislang nicht dokumentiert.

Dem Völkerkundemuseum bietet sich jetzt die Möglichkeit einer neuen und heute angemessenen Form von ethnologischer Feldforschung, bei der sich Forscher und Zu-Erforschende sozusagen auf Augenhöhe begegnen und beide gleichermassen vom Projekt profitieren.

Im Übrigen geht das Projekt konform mit den neusten ethischen Richtlinien für Museen des Internationalen Museumsrats (ICOM), denen zufolge Museen «den Austausch von Wissen, Dokumenten und Sammlungen mit Museen und Kulturorganisationen in deren Herkunftsländern und -gemeinschaften fördern», sowie «die Möglichkeit des Aufbaus von Partnerschaften mit Museen in Ländern oder Gebieten, die einen bedeutenden Teil ihres Erbes verloren haben» prüfen sollen. Beiden Forderungen trägt das geplante Projekt Rechnung.