Viel Unsicherheit bei Beschäftigten in der Schweiz

Jede vierte beschäftige Person in der Schweiz sieht ihren Arbeitsplatz in Gefahr. Gar jede zweite sorgt sich über eine zunehmende Arbeitsbelastung. Das sind die Ergebnisse des neuen HR-Barometers 2011 der Universität Zürich und der ETH Zürich. Vertrauen erweist sich als wichtiges Mittel gegen die Verunsicherung der Arbeitnehmenden und die daraus entstehenden negativen Folgen. Die Studie empfiehlt denn auch Arbeitgebenden, durch Partizipationsmöglichkeiten und regelmässige Leistungsrückmeldungen Vertrauen aufzubauen und so Unsicherheit zu reduzieren.

Prof. Gudela Grote von der ETH Zürich und Prof. Bruno Staffelbach von der Universität Zürich haben im neuen Schweizer HR-Barometer 2011 zusammen mit ihrem Forschungsteam untersucht, wie gross bei den Beschäftigten in der Schweiz die Unsicherheit bezüglich ihres Arbeitsplatzes ist und inwieweit sie ihrem direkten Vorgesetzten respektive Arbeitgeber vertrauen.

Gemäss der Studie fürchten 10 Prozent der befragten Arbeitnehmenden in ausgeprägtem Mass und weitere 20 Prozent ansatzweise um ihren Arbeitsplatz. Deutlich mehr Befragte äussern sich besorgt über unerwünschte Veränderungen in Bezug auf ihre Arbeitstätigkeit und ihre Arbeitsbedingungen: Gar 50 Prozent der Beschäftigten befürchten, dass ihre Arbeitsbelastung zunehmen könnte. Fast 30 Prozent sind besorgt, in Zukunft weniger Einfluss- und Karrieremöglichkeiten zu haben. Etwas weniger Verunsicherung besteht bezüglich Lohneinbussen, Reduktion des Beschäftigungsumfangs und einer örtlichen Versetzung. «Demnach birgt die an der Oberfläche sehr stabile Arbeitssituation in der Schweiz doch einige Verunsicherung», so die Autoren Grote und Staffelbach.

Diese Verunsicherung wirkt sich negativ auf das Vertrauen der Beschäftigten aus, was wiederum die Verbundenheit mit dem Unternehmen reduziert und die Kündigungsabsichten erhöht. Für Michael Agoras, Country Manager Adecco Switzerland und Hauptsponsor des Schweizer HR-Barometers, birgt diese Situation Gefahren: «Wenn die Unternehmen zu wenig Wert auf loyale und selbstständig agierende Mitarbeitende legen, fehlt ihnen gerade in der Aufschwungphase die entscheidende Dynamik.» Er plädiert daher für einen offenen und ehrlichen Dialog zwischen Arbeitgeber und -nehmer, unabhängig von der Wirtschaftslage. «Davon profitieren letztlich beide Seiten», sagt Agoras.

Vertrauen in die Führung

Je unsicherer die strukturellen Bedingungen sind, desto bedeutsamer wird das Vertrauen in die Führung. In der Schweiz vertrauen rund drei Viertel der Beschäftigten dem eigenen Vorgesetzten und – in etwas geringerem Mass – dem eigenen Arbeitgeber. Insbesondere eine regelmässige Leistungsbeurteilung, Partizipationsmöglichkeiten und ein stabiler psychologischer Vertrag stärken das Vertrauen in Vorgesetzte und Arbeitgeber. Dieses Ergebnis weist auf die grosse Bedeutung kontinuierlicher Leistungsrückmeldungen für eine gute Arbeitsbeziehung hin. Weiter ist das Vertrauen grösser, wenn die Beschäftigten an Entscheidungsfindungen partizipieren können.

Die Trenderhebungen des HR-Barometers zeigen, dass die Veränderungen der Wirtschaftslage zu Buche geschlagen haben. Die verbesserte Arbeitsmarktsituation hat dazu geführt, dass die Verbundenheit mit dem eigenen Unternehmen generell etwas gesunken ist, und die Kündigungsabsichten sowie die erlebte Arbeitsmarktfähigkeit leicht zugenommen haben.

Lohn wird wichtiger

Interessanterweise erwarten die Arbeitnehmenden erstmals sehr ausgeprägt eine angemessene Entlöhnung. Gemäss früheren Ausgaben des Schweizer HR-Barometers war der Lohn für die Arbeitszufriedenheit und Verbundenheit mit dem Unternehmen wie auch umgekehrt als Grund für einen Arbeitgeberwechsel weniger entscheidend. «Dass Beschäftigte ihrem Lohn mehr Bedeutung beimessen als früher, sollte ernst genommen werden, ohne dabei die vielen andern Motivationsfaktoren aus den Augen zu verlieren», sagen die Autoren.

Zur Studie

Der Schweizer HR-Barometer erfasst, wie Beschäftigte in der Schweiz ihre Arbeitssituation erleben. Erhoben werden dazu Themen wie Karriereorientierungen, Personalentwicklung und Organisation des HRM, psychologischer Vertrag, Arbeitsflexibilisierung, Arbeitszufriedenheit und Arbeitsmarktfähigkeit. Die Studie wird als Jahrbuch von Prof. Dr. Gudela Grote, Professur für Arbeits- und Organisationspsychologie der ETH Zürich und von Prof. Dr. Bruno Staffelbach, Inhaber des Lehrstuhls Human Resource Management an der Universität Zürich, alljährlich herausgegeben.

Die Basis des HR-Barometers 2011 bildet eine Online-Befragung von 1479 Beschäftigten, die im April 2010 durchgeführt worden ist. Davon entfallen 1124 auf die deutschsprachige und 355 auf die französischsprachige Schweiz. Die aktuelle Ausgabe widmet sich dem Schwerpunktthema Unsicherheit und Vertrauen.

Der HR-Barometer 2011 entstand mit grosszügiger Unterstützung von Hauptsponsor Adecco und folgenden Nebensponsoren: Axpo, Zürcher Gesellschaft für Personalmanagement (ZGP), Ecoscientia Stiftung

Das Jahrbuch ist ab sofort im Handel erhältlich. Gudela Grote, Bruno Staffelbach (Hrsg.): Schweizer HR-Barometer 2011: Unsicherheit und Vertrauen. Zürich 2011. NZZ Libro, Buchverlag Neue Zürcher Zeitung. ISBN 978-3-03823-684-9. Format 21x 28 cm; gebunden, Grafiken/Diagramme/Tabellen; 180 Seiten; CHF 80.–

Simon Rüttimann, NZZ Libro, Buchverlag Neue Zürcher Zeitung
Tel. +41 44 258 19 92
s.ruettimann@nzz.ch