Glauben, dass glauben heilen hilft – erste Schweizer Patientenbefragung zu Placebo

Sowohl Patienten wie Ärzte glauben, dass der Glaube an die Wirksamkeit einer Therapie körperliche Beschwerden heilen hilft. Entsprechend aufgeschlossen sind sie gegenüber Placebo-Therapien. Allerdings unterschätzen Ärzte sowohl die Offenheit der Patienten gegenüber Placebo-Behandlungen, als auch deren Informationsbedürfnis. Zu diesen Resultaten gelangt die Patientenbefragung der Ethikerin Margrit Fässler von der Universität Zürich und ihren Forscherkolleginnen und -kollegen; erschienen sind sie in der aktuellen Ausgabe des British Journal of General Practice.

Erstmals wurden in der Schweiz Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzte zu ihrer Einstellung zu Placebo-Behandlungen befragt. Das Forschungsteam um Margrit Fässler vom Institut für Biomedizinische Ethik der Universität Zürich und ihre Kolleginnen und Kollegen vom Institut für Hausarztmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsspitals Zürich interessierte sich für Fragen rund um die diesbezügliche Arzt-Patienten-Beziehung: Inwiefern unterscheiden sich die Einstellungen von Patienten und Ärzten hinsichtlich Placebo-Behandlungen in der medizinischen Praxis? Wie gross ist der Anteil jener Patienten, die bereit sind, sich in bestimmten Situationen auf Therapien einzulassen, welche nicht auf pharmakologischem oder physikalischem Weg wirken, sondern durch die Förderung von Selbstheilungskräften oder die Ausnützung von situativen Faktoren? Und wie schätzen Ärzte die Haltung der Patienten ein? An der Befragung teilgenommen hatten 414 Patientinnen und Patienten sowie 232 Hausärztinnen und Hausärzte aus dem Kanton Zürich.

Patienten sind offener als Ärzte meinen – und wünschen mehr Informationen

Der Grossteil sowohl der Patienten (87 Prozent) als auch der Ärzte (95 Prozent) war der Ansicht, dass allein durch den Glauben an die Wirksamkeit einer Therapie körperliche Beschwerden gelindert werden können. Angesichts der konkreten Anwendung zeigte sich jedoch ein etwas anderes Bild: So übten die Hausärztinnen und -ärzte bei der Beurteilung von sechs vorgegebenen Beispielen für konkrete Placebo-Behandlungen tendenziell Zurückhaltung, während sich die Patientinnen und Patienten eher aufgeschlossenen zeigten.

Das markanteste Gefälle zwischen den beiden befragten Gruppen manifestierte sich laut Margrit Fässler in der Einschätzung der Informationserwartung seitens Patientinnen und Patienten: «72 Prozent der Patienten möchten unbedingt informiert werden, wenn ihr Arzt oder ihre Ärztin, ein Medikament einzusetzen plant, dem eine unspezifische Wirkungsweise zugeschrieben wird. Die Ärzteschaft hingegen geht im Mittel davon aus, dass lediglich 33 Prozent der Patienten diesen Wunsch haben.»

Alles in allem legen die Ergebnisse nahe, dass Hausärztinnen und -ärzte die Offenheit ihrer Patientinnen und Patienten gegenüber unspezifischen Behandlungen eher unterschätzen. Und: Beim Angebot solcher Therapien wünscht sich ein Grossteil der Patientinnen und Patienten angemessene Informationen über die Wirkungsweise.

Literatur:
Margrit Fässler, Markus Gnädinger, Thomas Rosemann, Nikola Biller-Andorno: Placebo interventions in practice: a questionnaire survey on the attitudes of patients and physicians. Br J Gen Pract. 2011 Feb;61(583):101-7. DOI: 10.3399/bjgp11X556209