«Verrückte» Kunst aus der Psychiatrie Rheinau

Das Medizinhistorische Museum der Universität Zürich zeigt Werke von Patientinnen und Patienten der ehemaligen Psychiatrischen Pflegeanstalt Rheinau. Darunter Stickbilder der 1944 verstorbenen Künstlerin Jeanne Natalie Wintsch, deren Werke zurzeit auch an der 54. Biennale in Venedig zu sehen sind.

Jeanne Natalie Wintsch ist die heute bekannteste Patientin, die während ihres Aufenthalts in der Psychiatrischen Pflegeanstalt Rheinau ein künstlerisches Werk schuf. Sie erkrankte mit 36 Jahren und begann zu zeichnen und zu stricken. 1922 kam sie in die Klinik Burghölzli und von dort als unheilbar nach Rheinau. Hier stickte sie verschlüsselte Botschaften und schuf ornamentale, prachtvolle Stickarbeiten. So wie Wintsch betätigten sich einige Insassen künstlerisch neben ihrer täglichen Arbeit in der Landwirtschaft oder im Haushalt.

Insgesamt umfasst die Sammlung der einst grössten Pflegeanstalt der Schweiz über 800 Werke von 23 Künstlerinnen und Künstlern. In der Ausstellung «Rosenstrumpf und dornencknie» sind vom 17. Juni bis 12. Januar 2012 besonders eindrucksvolle und aussagekräftige Arbeiten von Psychiatriepatientinnen und Patienten aus den Jahren 1867 bis 1930 zu sehen. Gastkuratorinnen der Ausstellung im Medizinhistorischen Museum sind Katrin Luchsinger, Kunsthistorikerin und Entdeckerin dieser bedeutsamen Sammlung, und Jacqueline Fahrni, Kuratorin der Sammlung Königsfelden der Psychiatrischen Dienste Aargau.

Zwischen innen und aussen

«Unabhängig von ihrem Bekanntheitsgrad tragen die Werke durch ihre Verbundenheit mit dem Alltäglichen der Klinik namhaft zur Patientenperspektive in der medizinhistorischen Forschung bei», sagt Prof. Flurin Condrau, Direktor des Medizinhistorischen Instituts und Museums. «Die moderne Patientengeschichte ist ein neuer Forschungsschwerpunkt des Instituts, deshalb interessieren wir uns besonders für die Kunstwerke von Psychiatriepatientinnen und -patienten.»

Die Kunstwerke vermitteln einerseits einen Blick in den Klinikalltag: «Morgengang Herr Gering» ironisiert Hermann M. die morgendliche Visite des Klinikdirektors Gehrig in kaligrafischen Lettern. Oder zeichnet ziselierte Tabellen mit kargen Menüplänen der Anstalt. Von ihm stammt auch das Titelzitat «Rosenstrumpf und dornencknie». Andererseits sind diese Werke auch als Sendung an die Aussenwelt zu verstehen. Heinrich B. entwirft nicht zufälligerweise Einmann- oder Einfrauflugzeuge, eine Brücke, die sich über den ganzen Zürichsee weitet, oder eine elektrische Schranke, die den Zug ungehindert fortfahren lässt. Sehnsüchte werden in der geschnitzten Tierwelt von Hans Z. spürbar oder heischen in den aus Matratzenfüllmaterial gestrickten Damenaccessoires von Lisette H. verzweifelt nach Erfüllung. Die Sammlung eröffnet damit Welten der Psychiatrieinsassen, die der «normalen» Welt berührend nahe kommen.

Begleitprogramm mit Vorträgen und Kinderprogramm

Die Ausstellung «Rosenstrumpf und dornencknie» wartet mit einem attraktiven Begleitprogramm auf. Bereits an der Vernissage wird mit Bettina Brand-Claussen eine Kennerin der psychiatriehistorischen Kunst sprechen. Während des Herbstsemesters folgt eine Reihe von Vorträgen mit weiteren Fachleuten aus der Psychiatrie- und Kunstgeschichte, die von einer interdisziplinären Podiumsdiskussion an der Finissage abgeschlossen wird. Zum ersten Mal bietet das Medizinhistorische Museum thematische Mittagsführungen und ein spezielles Kinder- und Jugendprogramm an. Zudem steht ein Kinderkoffer voller Rätsel und Spiele bereit.

Medizinhistorisches Museum der Universität Zürich

Rämistrasse 69, Zürich, neben dem Hauptgebäude der Universität Tram 5, 9, Haltestelle Kantonsschule Öffnungszeiten: Di–Fr, 13–18 Uhr; Sa / So, 11–17 Uhr Eintritt frei

Führungen durch die Ausstellung: am letzten Sonntag des Monats, 11.00–12.00 Uhr (ausser Juli / Dez.)

26. Juni 2011: Katrin Luchsinger

28. August 2011: PD Dr. Iris Ritzmann

25. September 2011: Katrin Luchsinger

30. Oktober 2011: PD Dr. Iris Ritzmann

27. November 2011: Jacqueline Fahrni

Kultur am Mittag: 1. Freitag des Monats, 12.30–13.00 Uhr

1. Juli 2011, Alltag in einer Pflegeanstalt um 1900: Katrin Luchsinger

5. August 2011, Material und Werkzeug: Jacqueline Fahrni

2. September 2011, Werke als Guckloch ins Innenleben: PD Dr. Iris Ritzmann

7. Oktober 2011, Psychiater als Sammler: Katrin Luchsinger

4. November 2011: Erfindungen: Jacqueline Fahrni

2. Dezember 2011: Werke als Sendung in die Aussenwelt: PD Dr. Iris Ritzmann

Lange Nacht der Museen, 3. September 2011

Das Museum ist geöffnet, Kinderprogramm.

Kinder und Jugendliche: Führungen Mi–Fr in Begleitung ihrer Lehrperson nach Voranmeldung Telefon: 044 634 20 71, E-Mail: sekretariat@mhiz.uzh.ch Die Führungen sind kostenlos.

Kinder: Jacqueline Fahrni, PD Dr. Iris Ritzmann: Welche Geschichten verraten uns die Werke? Mit welchen Materialien arbeiten Künstler in der Psychiatrischen Klinik? Gemeinsam entschlüsseln wir Bilder. Kinderkoffer: Ein Koffer, gefüllt mit Spielen und Rätseln zur Ausstellung für Kinder in Begleitung ihrer Eltern.

Jugendliche (12+): Katrin Luchsinger: Was verraten die Bilder über das Leben in einer Anstalt? Was erfahren wir über die Schweiz um 1900? Wer kam ins «Irrenhaus»?