Eltern unterschätzen Gefahren im Internet für ihre Kinder

Schweizer Eltern unterschätzen, wie stark sich ihre Kinder im Internet Gefahren aussetzen. Ihnen ist häufig nicht bewusst, dass ihr Kind bereits Sexbilder gesehen, Cybermobbing erlebt oder fremde Internet-Bekanntschaften getroffen hat. Wie eine aktuelle Studie von Kommunikationswissenschaftlern der Universität Zürich zeigt, hat jedes zweite Kind schon ein Risiko im Internet erlebt.

Je älter die Kinder sind und je mehr sie im Internet surfen, desto mehr Risiken haben sie schon erlebt. Die Gefahren reichen vom Konsum von Sexbildern und Gewaltdarstellungen bis zu realen Kontakten mit Internet-Bekanntschaften sowie Cybermobbing. «Die Anzahl der 9- bis 16jährigen Kinder, die bereits eines der untersuchten Risiken erlebt haben, ist beträchtlich», sagt Medienwissenschaftler Martin Hermida. Er hat hochgerechnet, dass in der Schweiz 338'000 Kinder betroffen sind, wobei sich 65'000 davon nach dem Erlebten beunruhigt oder gestört fühlten.

Gemäss der «EU Kids Online Studie» hatten 38 Prozent der 1000 befragten 9- bis 16-jährigen Schweizer Kinder in den letzten 12 Monaten bereits Kontakt mit sexuellen Darstellungen, wobei sie am häufigsten im Internet (21 Prozent) damit konfrontiert sind. Meist passiert es unbeabsichtigt über Pop-ups (13 Prozent), die sich ohne Zutun der Kinder öffnen.

Ahnungslose Eltern

Den Eltern ist es meist nicht bewusst, dass ihre Kinder im Internet schon sexuelle Darstellungen gesehen haben. Unabhängig von Geschlecht und Alter ihres Kindes nehmen ungefähr 40 Prozent der Eltern fälschlicherweise an, dass ihr Kind noch keine Sexbilder- oder -filme im Internet gesehen hat. Besonders Eltern der jüngsten Kinder liegen mit ihrer Einschätzung oft falsch.

Mobbing passiert nicht nur von Angesicht zu Angesicht (15 Prozent), sondern findet als Cybermobbing auch im Internet (5 Prozent) oder über das Mobiltelefon (4 Prozent) statt. Detaillierte Auswertungen zeigen, dass fast in zwei Dritteln der Fälle die Cybermobbing-Opfer auch Täter sind. Nur 45 Prozent der Eltern von Mobbing-Opfern wissen, dass ihr Kind im Netzt gemobbt wurde. 53 Prozent dagegen nehmen an, dass dies ihrem Kind noch nie passiert ist. Am auffälligsten ist der Unterschied bei männlichen Cybermobbing-Opfern; 81 Prozent ihrer Eltern wissen nichts davon.

Kontakt mit unbekannten Internet-Bekanntschaften

25 Prozent aller Kinder haben über das Internet Kontakt mit jemandem, den sie nicht persönlich kennen und 7 Prozent haben sich bereits mit jemandem getroffen, den sie zuerst im Internet kennen gelernt haben. Je älter Kinder sind, desto eher haben sie Kontakt mit Fremden und desto eher treffen sie sich auch mit ihnen.

Die meisten Kinder (68 Prozent) treffen Personen, die sie über Freunde kennen. Bei knapp einem Drittel der Kinder, die sich mit Internet-Bekanntschaften getroffen haben, hatte diese keine Verbindung zu ihrem Leben. Hier zeigen sich deutliche Geschlechterunterschiede: Jungen treffen doppelt so häufig (43 Prozent) bisher Unbekannte als Mädchen (22 Prozent). Grundsätzlich sinken mit zunehmendem Alter die Treffen mit Personen, die man über Freunde kennt und die Treffen mit Personen ohne Verbindung zum eigenen Leben nehmen zu.

Obwohl dieses Risiko das direkteste physische Gefahrenpotential beinhaltet, wissen gerade beim Treffen mit Fremden die Eltern der meisten Kinder nichts davon. 68 Prozent gehen davon aus, dass sich ihr Kind nicht mit Internet-Bekanntschaften trifft, obwohl dem so ist. Nur gerade 16 Prozent der Eltern sind über solche Treffen informiert.

«Für die zukünftige Präventionsarbeit und Förderung von Medienkompetenz ist eine flächendeckende Sensiblisierung wünschenswert», sagt Martin Hermida. Eine besondere Risikogruppe konnte er nicht ausmachen. Hingegen fühlen sich Mädchen, Jüngere und Kinder mit psychischen Aufflälligkeiten nach dem Risikokontakt eher beuruhigt oder fühlen sich eher belästigt als andere.

Für Eltern stellt das nationale Programm Jugend und Medien kostenlos die Broschüre «Medienkompetenz – Tipps zum sicheren Umgang mit digitalen Medien» bereit. Sie beantwortet kurz und prägnant die wichtigsten Fragen, die sich Eltern im Zusammenhang mit der Mediennutzung ihrer Kinder stellen.

Zur Studie «EU Kids Online III Schweiz»

Untersucht wurden in der Studiefolgende Risiken:

Im Internet mit jemandem Kontakt gehabt, den man nur aus dem Internet kennt

Sexuelle Darstellungen im Internet gesehen

Eine oder mehrere Arten exzessiver Nutzung erlebt

Sexuelle Nachrichten gesehen oder erhalten

Eine oder mehrere Arten potentiell schädlicher Inhalte gesehen

Jemanden getroffen, den man aus dem Internet kennt

Eine oder mehrere Arten des Missbrauchs persönlicher Daten erlebt

Opfer von Cybermobbing geworden

Die Studie wurde vom Nationalen Programm Jugend und Medien finanziell unterstützt. Dank der Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds und des Bundesamtes für Sozialversicherung ist die Schweiz zum ersten Mal Partner im EU Kids Online Projekt.

Die Daten sind bezüglich Geschlecht und Alter der Kinder, sowie bezüglich des sozioökonomischen Status der Eltern und der Urbanität des Wohnortes repräsentativ. Die hier präsentierten Resultate sind somit für die Schweiz verallgemeinerbar. Die Koordination der Befragung leistete lic. phil. Martin Hermida, die Befragung selbst wurde vom Markt- und Sozialforschungsinstitut GfS – Schweizerische Gesellschaft für praktische Sozialforschung (www.gfszh.ch) durchgeführt. Die Leitung des Nationalfondsprojekts unterliegt Prof. Dr. Heinz Bonfadelli und als Schnittstelle zum EU-Projekt International arbeitet Dr. des. Sara Signer in der Funktion als Key Contact Switzerland. null Weitere Auswertungen zu Nutzungsort und Nutzungszeit des Internets, Folgen und Bewältigung von sexuellen Darstellungen, problematischen nutzergenerierten Inhalten, übermässiger Nutzung, Prävention und Lösungsstrategien unter: www.eukidsonline.ch.

Das Nationale Programm zur Förderung von Medienkompetenzen wurde vom Bundesrat im Juni 2010 für die Jahre 2011–2015 beschlossen und dem Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) zur Umsetzung übertragen. Gemeinsam mit den Medienbranchen verfolgt das Programm das Ziel, dass Kinder und Jugendliche kompetent mit digitalen Medien umgehen, deren Chancen nutzen und vor deren Gefahren geschützt sind. Gleichzeitig sollen die verschiedenen Akteure in diesem Bereich vernetzt werden. Tragende Programmpartner sind die Swisscom AG, welche sich seit vielen Jahren im Jugendmedienschutz engagiert, der Verband der Computerspielbranche SIEA (Swiss Interactive Entertainment Association), der die Umsetzung des europaweiten Altersklassifikationssystems PEGI in der Schweiz gewährleistet sowie die Jacobs Foundation, die langjährige Fördererfahrung im Bereich der Kinder- und Jugendentwicklung hat.

Mit der Plattform jugendundmedien.ch bietet das Programm ein Internetportal mit aktuellen und verlässlichen Informationen zum Thema Jugendmedienschutz. Auch stellt es die Broschüre «Medienkompetenz– Tipps zum sicheren Umgang mit digitalen Medien» zur Verfügung (PDF) sowie einen Flyer in 16 Sprachen (PDF) mit den 10 goldenen Regelnfür eine sichere Mediennutzung (Bestellformular).