Gips-Statuen erzählen vom wilden Leben ihrer Originale

Ein Gipsabguss konserviert das Original und erzählt dessen Geschichte, auch wenn das ursprüngliche Kunstwerk verschollen oder zerstört sein sollte. Gipskopien von Antiken können «zum besseren Original» werden, wie die neue Ausstellung der Archäologischen Sammlung der Universität Zürich zeigt.

Ihre Schönheit hat eine abenteuerliche Reise hinter sich: Ausgegraben bei einem römischen Theater, wurde die Venus von Arles im Jahr 1651 an den Hof von König Louis XIV. (1638–1715) gebracht. Die raue Zeit unter der Erde hatte die römische Statue, deren Schöpfungsstunde die Archäologen in der römischen Kaiserzeit (1. –3. Jh. n. Chr.) ansetzen, um ihre beiden Arme gebracht, die trotz intensiver Suche nicht gefunden werden konnten. Für ihren Auftritt im Palais de Versailles sollte die Venus für den Sonnenkönig wieder vollständig werden – und gar noch mehr: Der namhafte Bildhauer François Girardon hatte den Auftrag, die Göttin der Schönheit dem zeitgenössischen Ideal der anmutigen Frau anzupassen: Ihre Brüste wurden anders geformt, der Oberkörper insgesamt schlanker, und der Kopf neigt sich heute mehr gegen das Dekolleté.

«Früher schreckte man nicht davor zurück, eine originale Statue nicht nur zu restaurieren, wie dies heute praktiziert wird, sondern sie auch nach eigenem Gusto umzugestalten», erklärt Jacqueline Perifanakis. Die Sammlungsassistentin am Institut für Archäologie und der Archäologischen Sammlung der Universität Zürich zeigt das Vorher und Nachher der Venus von Arles in der neuen Sonder­ausstellung der Archäologischen Sammlung – anhand zweier Gipsabgüsse der Originalstatue vor und nach ihrer Umgestaltung durch den Bildhauer Girardon.

Gestohlen oder der Witterung ausgesetzt

«Gips konserviert» lautet der Titel der neuen Ausstellung, in der 25 grösstenteils über hundertjährige Gipsabgüsse von beschädigten, verschollenen oder zerstörten Originalen der hauseigenen Sammlung gezeigt werden. Die Abgüsse geben die antiken Unikate bis ins kleinste Detail wieder, und je nach den Ereignissen, denen die Statuen über die Zeit begegnet sind, kann ein Gipsabguss zum «besseren Original» werden: Nämlich dann, wenn die originalen Kunstwerke gestohlen, in Kriegen oder bei Vandalenakten zerstört werden oder wenn sie wegen Witterung und Luftverschmutzung erodieren.

Gipsabgüsse von Antiken herzustellen ist schon seit dem 15. Jh., insbesondere aber seit dem 18. Jh. eine beliebte Praxis: «Zum einen war früher die Anreise für die Besichtigung eines Kunstwerkes in einem entlegenen Museum beschwerlich, zum anderen sind die Sammlungen bis heute daran interessiert, die wichtigsten kunsthistorischen Schätze in 3D zu zeigen und für das Studium im Haus zu haben», erklärt Jacqueline Perifanakis; die Archäologische Sammlung der UZH hat mit der Sammlung von Gipsabgüssen gleich bei ihrer Gründung 1856 begonnen, noch bevor originale Antiken angeschafft wurden. Heute zählt die Sammlung insgesamt rund 1600 Abgüsse antiker Kunst.

Wie wird ein Gipsabguss hergestellt?

In der Ausstellung wird neben den 25 Gipsabgüssen auch die Herstellung der Abformung eines Originals an einem aktuellen Beispiel gezeigt. Acht weitere Themenschwerpunkte beleuchten die nicht selten dramatischen Umstände, wie antike Kunst verloren geht und schliesslich in Gips erhalten bleibt.

Seien es ein kleinformatiger Alltagsgegenstand aus Glas, Statuetten aus Bronze, Reliefs oder monumentale Statuen, die ausgestellten Objekte erzählen von den vielfältigen Schicksalen ihrer Vorbilder. Der Abguss eines Dioskurenkopfes in der Ausstellung in Zürich macht etwa sichtbar, wie voll die Haarpracht der Zwillingsbrüder Castor und Pollux früher noch war – und wie sehr das jahrhundertelange Stehen im sauren Regen auf dem Quirinal in Rom der originalen Marmorgruppe zusetzt und an den Haaren nagt.

null Ausstellung «Gips konserviert – beschädigte, verschollene, zerstörte Originale im Abguss» nullnullnull Ort: Institut für Archäologie und Archäologische Sammlung Rämistrasse 73, 8006 Zürich Abguss-Sammlung im Untergeschoss. nullnullnull Eröffnung: Eröffnung ist am Donnerstag, 4. Dezember 2014, um 18.15 Uhr im Vorlesungssaal RAK E 8. Die Ausstellung dauert vom 5. Dezember bis zum 25. Oktober 2015. nullnullnull Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 13 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr. Montag und allgemeine Feiertage geschlossen. Eintritt frei. nullnullnull Öffentliche Führungen:Am Dienstag, 9. Dezember 2014, um 17.15 Uhr, ab Januar jeweils am letzten Dienstag des Monats um 17.15 Uhrnull